Ein Rückblick auf die Viennale 2004
Von Gom • September 22nd, 2006 • Kategorie: Specials
VIENNALE 2004
Schon seit September ganz wuschig, in freudiger Erwartung auf das diesjährige Festivalprogramm, war auch diesmal der große Tag der Ankündigung eine Mischung aus unbändiger Freude über überraschenderweise aufgenommene Perlen und Enttäuschung bis Fassungslosigkeit über das Fehlen einiger Filme, die eigentlich für ein Festival dieser Art zum Pflichtprogramm gehören, so sollte man zumindest annehmen.

Mein eigentlicher Viennale Auftakt war Koreedas aufrüttelnder Nobody Knows, der als Teil einer eigenen Retrospektive über den Regisseur (welcher auch persönlich anwesend war), bei der außerdem noch Maborosi, Distance und Without Memory gezeigt wurden.
Die für mich persönlich angenehmste Überraschung war die wunderbare Stefan Zweig Verfilmung Letter from an Unknown Woman, für die die Regisseurin und Hauptdarstellerin Xu Jinglei schon beim San Sebastian International Film Festival mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Die Handlung der Novelle wurde ins Shanghai der 30/40er Jahre verlegt und erzählt melancholisch über die unerwiderte Liebe einer jungen Frau, die sich über 18 Jahre spannt. Erst als sie kurz davor ist sich der kalten Umarmung des Todes hinzugeben offenbart sie ihrem Geliebten die ganze Tragik ihres Lebens in einem Brief.

Dass auch das chinesische Untergrundkino im Moment sehr stark ist beweisen gleich zwei Filme die unterschiedlicher kaum sein könnten. Wu Ershans Episodenfilm Soap Opera zeigt verschiedene kuriose Ereignisse, die alle einen tragischen Ausgang haben, wobei es dem Regisseur laut eigener Aussage nicht darum geht zu erklären, oder zu bewerten, sondern einfach nur aufzuzeigen, was für seltsame Dinge, von Vielen meist unbemerkt, in unserer Welt vorgehen. Der hilfsbereite Junge der zum Kidnapper wird, der schlaflose Nachbar, der einem Blutrausch verfällt – das Leben ist eine Seifen Oper. (Interessierte sind herzlich dazu eingeladen unser Interview mit Wu Ershan zu lesen.)
Gedreht in rauhen, realistischen Bildern nimmt sich Pirated Copy als erster chinesischer Film überhaupt, dem in China kaum aufzuhaltenden Problem der Filmpiraterie an, nimmt dieses aber letztendlich nur als Grund uns mit verschiedenen meist schlechten Schicksalen verschiedenster Personen der modernen chinesischen Gesellschaft zu konfrontieren. Ein AIDS kranker Musiker, eine sexuell unerfüllte Professorin, ein armes Arbeiterpärchen, das inspiriert von Pulp Fiction nur einen Überfall als einzigen Ausweg aus seiner Misere sieht, sind nur einige Charaktere die uns, verbunden durch ihre Liebe zu Film, in den dunklen Gassen einer übermodernisierten Gesellschaft begegnen.
Lee Kang Shengs Film The Missing, über eine ältere Frau, die ihren Enkel sucht, den sie in einer Parkanlage verloren hat, muss trotz einer gelungenen Kinematographie und interessanten Einfällen, wie das Filmen einiger Szenen mit versteckter Kamera (wie zB. in Ferarras Bad Lieutenant) mit dem typischen Problem des taiwanesischen Kinos, einer fast trägen Langsamkeit, kämpfen. Trotz der fast eingefrorenen Narration ist der Film vor allem durch eine gewisse Unklarheit in der Handlung, die verschiedene Interpretationen zulässt bzw. einige Ereignisse ganz in Frage stellt, faszinierend. Leider war das Publikumsgespräch im Anschluss, einerseits auf Grund einer unerfahren wirkenden Moderatorin und andererseits dank eines recht desinteressierten Publikums eher unangenehm.
In Possible Changes, einem der wenigen koreanischen Filme, auf der heurigen Viennale, machen sich zwei Kindheitsfreunde im Zuge ihrer Midlife Crises auf einfach einmal das zu tun worauf sie immer schon Lust hatten. Sex zu dritt, eine Affäre, die erste Liebe wieder treffen – Freiheiten, die auf den Pfaden die sie für ihr Leben festgelegt haben, eigentlich keinen Platz haben, Symbole für den Ausbruch aus einem einengenden, grauen Alltag.

Im Gesamtwerk von Olivier Assayas bildet Clean mit Sicherheit den Höhepunkt. Allein die unglaublich beeindruckende Darstellung, der beim diesjährigen Venedig Filmfestival für diese Rolle als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnete Maggie Cheung, macht es unmöglich den Film in unserem kleinen Viennale Rückblick auszulassen. Cheung spielt die Rolle einer rauschgiftsüchtigen Rockmusikerin, ohne Plattenvertrag, die nach dem Drogentod ihres Mannes ihr Leben komplett umkrempeln muss um das Sorgerecht für ihren Sohn zu bekommen. Trotz der simplen Geschichte lebt der Film vor allem von seiner neutralen Erzählweise, ohne moralischen Zeigefinger, oder Hollywood typischen Sentimentalität. Auch Nick Nolte in seiner ersten wirklichen Altersrolle weiß zu beeindrucken. Nach der Vorstellung hatte man wieder die Möglichkeit dem Regisseur Fragen zu stellen.
Eher uninteressant war Peep TV Show von Tsuchiya Yutaka (der vor einigen Jahren mit The New God einen viel besseren Film gedreht hat). Im Schatten der Anschläge auf das World Trade Center wird versucht mit der Geschichte über das Leben einer Gothic Lolita in Tokyo die Einsamkeit und Leere unserer modernen Gesellschaft darzustellen und auch der Voyeurismus der damit Hand in Hand geht anzuprangern. Leider scheitert das Ganze unter anderem an der uninteressanten und langweiligen Umsetzung.
Ein weiteres Highlight hingegen war der unter der Regie des taiwanesischen Regisseures Hou Hsiao-hsien entstandene Café Lumiére, der als Hommage an die Filme des wunderbaren Yasujiro Ozu gedacht war. Ohne eine große Geschichte zu erzählen fesselt der Film hauptsächlich durch die einfache, aber ergreifende Darstellung des Tokyoter Lebens die und das überzeugende Spiel des charismatischen Tadanobu Asano, der sich hier auch einen eigenen Wunsch erfüllt und mal wieder einen eher normalen Charakter mimt.
Fear East
Obwohl ich mir sicher bin, dass sich der Schelm, der diesen Programmzweig mit diesem vorzüglichen Wortwitz tituliert hat, noch heute stolz auf die Schulter klopf, lässt sich der inhaltliche Bezug zum Titel kaum nachvollziehen, denn lediglich zwei der in diesem Rahmen gezeigten Titel könnten beim Zuschauer die versprochene Angst erzeugen. Vom filmischen Aspekt betrachtet ist die Auswahl hingegen recht gut gelungen, obwohl so gut wie alle “Fear East” Filme gut ein Jahr zu spät gezeigt wurden, da wirklich alle schon seit geraumer Zeit auf DVD erhältlich sind.

Vielfilmer Miike war mit seiner Ring/Phone Mischung One Missed Call vertreten, die zwar dem Genre kaum neue Facetten abgewinnt, aber immerhin mit einigen (zB: die fast 1:1 übernommene Einstellung des Wassertanks aus Dark Water) netten Insidergags aufwarten kann.
Richtig Gänsehaut gab’s hingegen bei dem südkoreanischen A Tale of Two Sisters, der wohl einer der schönsten und atmosphärischsten, aber auch bedrückendsten Gothikhorrorfilme der Gegenwart ist. In edlen Bildern wird die tragische Geschichte eines Schwesternpaares und deren bösartiger Schwiegermutter erzählt. Die meisten Zuschauern (wir eingeschlossen) werden wahrscheinlich die gesamte Geschichte erst nach mindestens zweimaligen ansehen begreifen.
Johnny To (The Mission, Fulltime Killer) war gleich mit zwei Filmen vertreten, mit denen er eindrucksvoll bewiesen hat, dass das Hong Kong Kino durchaus noch voller neuer Ideen steckt. Breaking News erzählt eine extrem straighte Cop vs. Gangster Geschichte, ohne irgendwelche Subplots, in der die stark unscharfe Berichterstattung der Medien angeprangert wird. To verlegt die Kriegshandlung in die endlosen Häuserschluchten Hong Kongs, holt den “War against Terrorism” in die Großstadt, ja sogar ins Wohnzimmer und liefert dabei einen der realistischsten und packensten Actionthriller der letzten Jahre ab.
Einen ganz anderen Weg geht Throw Down, der sich der vom Kino eher stiefmütterlich behandelten Martial Arts Judo widmet. Die Kämpfe sind wunderbar choreographiert, aber letztendlich nur Beiwerk der eigentlichen Story, die sich um den größten Kampf jedes Menschen dreht: das Leben und alle Ängste, Selbstzweifel und Selbstfindungen, die es damit zu bewältigen gilt.

Eines der Highlights am diesjährigen Festival war zweifelsohne der von der Kinozeitschrift Skip unverständlicherweise als neuer Tarantino beschimpfte Oldboy, welcher den Mittelteil von Park Chan-Wooks filmischer Rache-Trilogy bildet. Nicht ganz so trocken, wie der trotzdem etwas bessere Vorgänger Sympathy for Mr. Vengeance, zündet Oldboy ein Feuerwerk aus skurrilen Situationen, mündet letztendlich aber in einer recht banalen Auflösung und gibt sich am Ende auch noch leicht versöhnlich. Trotz dieser leichten Makel ist der Film durch seine visuelle Kraft, innovative Ideen und Hauptdarsteller Choi Min-siks perfektem Spiel ein Meilenstein des koreanischen Kinos.
Aus Thailand war dann noch der recht eigenwillige Buppah Rahtree vertreten. Mit Holzhammer Gags, die an das bewährte Zucker/Abrahams/Zucker Team erinnern, einer Cast, die aussieht wie eine Zirkustruppe, verbunden mit einigen düsteren Gruselszenen mag der Film über ein verwunschenes Hotelzimmer zwar recht unterhaltsam sein, ist aber spätestens zehn Minuten nach verlassen des Kinos wieder vergessen.

Außerdem konnte man nun endlich auch die komplette Infernal Affairs Trilogy, über die wohl nicht mehr allzu viele Worte verloren werden müssen, auf großer Leinwand bewundern, wobei hier vielleicht der Timelinecut, welcher alle drei Teile in der richtigen zeitlichen Abfolge vereint, interessant gewesen wäre. Viel Neues haben die Filme dem Genre zwar nicht gebracht, aber dank der wirklich vorzüglich agierenden Darsteller und der virtuosen Inszenierung zählen die Filme mit Sicherheit zu den besten Crime-Dramen der letzten Jahre.
Bonustrack
So ist das heutzutage: alles strotzt vor Special Features, Draufgaben etc. Kaufen Sie dieses Kochlöffelset und Sie bekommen einen Schraubenzieher gratis dazu…oder so ähnlich. Auch bei der Viennale ließ man sich nicht lumpen und so wurde in der Urania zum ersten mal ein Bonustag, auf dem die angeblich vier beliebtesten Filme des Festivals (woher die Veranstalter auch immer wussten welche das wohl sein werden) und auch ein paar exklusive Filme gezeigt wurden.

Trotz Tränensäcken bis zum Knie, haben wir uns aufgerafft, um gegen 6 Uhr früh Zhang Yimous neuen Form und Farben Epos House of Flying Daggers doch noch zu sehen. Leider. War der vielfach missgedeutete Hero durch die vorzügliche Cast, trotz relativ wenig Inhalt eine mitreißende, pseudophilosophische Materialschlacht, so verkommt House of Flying Daggers, trotzt einiger zwanghaft eingestreuter Arthouse Elemente zu einer lächerlichen Farce, bei der dem Zuschauer einmal mehr vor Augen geführt wird, dass die fünfte Generation sich Jahr für Jahr ihr eigenes Grab ein bisschen tiefer schaufelt.
Verständlicherweise demotiviert, durch diese herbe Enttäuschung ging’s am späten Abend, in den wenig beworbenen Shi Jie (The World), der es dann letztendlich noch geschafft hat den verlorengeglaubten Tag in ein cineastisches Highlight zu verwandeln. In einem Themenpark, einem kleinen Abbild unserer Welt, thematisiert Regisseur Jia Zhangke (Xiao Wu, Platform) Globalisierung, Moderne, Einsamkeit und erzählt dabei noch eine wunderbare, realistische Liebesgeschichte zwischen einem Securityguard und einer Tänzerin, frei von gängigen Klischees und nervigem Kitsch. Gekonnt lässt er die Zuschauer die Hoffnungen, Enttäuschungen, die das junge Paar in diesem fast märchenhaft wirkenden Mikrokosmos erlebt, mitfühlen. Seit Edward Yangs YiYi war kein Film so bewegend.

Wie dem Beginn, steht man auch dem Ende der Viennale mit gemischten Gefühlen gegenüber. Einerseits freut sich der Körper wieder über regelmäßige Nahrungszufuhr und geregelte Schlafenszeiten, andererseits erfüllt schon ein wenig Melancholie das Herz, wenn man der magischen internationalen Kinowelt auf Wiedersehen sagt und wieder in den viel graueren Alttag eintaucht. Zu guter Letzt eine kleine Statistik, die wir uns von der Viennale Seite geborgt haben: 2004 besuchten satte 81.600 Zuschauer 289 Filme, die in 285 Vorstellungen liefen.

